Meinungsmacher: das Spiel der Gefühle

Infos für kluge Köpfe                                     (Bild: Jens Schmitz / pixelio.de)
Infos für kluge Köpfe (Bild: Jens Schmitz / pixelio.de)

Vorneweg: Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen und Onlinemedien leisten einen spürbaren Beitrag zur demokratischen Grundordnung. Sie berichten, erklären, illustrieren das Geschehen von Wirtschaft über Politik bis Gesellschaft. Sie machen Druck, zeigen Missstände auf und erweitern mit geballten Informationen den Horizont ihrer Rezipienten.

 

So weit so gut. Medien können aber auch anders. Als Meinungsmacher treiben sie schon mal einen Bundespräsidenten in die Flucht. Der arme Kerl wurde mit Schlagzeilen aus dem Amt geprügelt, die mit den Gefühlen des Publikums rund um Neid und Missgunst spielten.

 

 

Wirksame Vervielfältigung (Bild: erysipel  / pixelio.de)
Wirksame Vervielfältigung (Bild: erysipel / pixelio.de)

Mit ihrer emotionalen Meinungsmacht betreiben Medien so mitunter ganz undemokratisch Politik. Denn schließlich sind Medienmacher nicht wählbar, sondern sie verdienen ihren Posten und Geld mit Auflagen und Quoten. Deshalb lohnt sich das Spiel mit den Gefühlen – selbst bei ausreichend nackten Fakten – und dient der wirksamen Vervielfältigung von Informationen.

Dieses Spiel wird erst dort zutiefst unmenschlich, wo große emotionale Tragödien live geschehen und Gefühle statt Informationen fließen. Das ist Voyeurismus.

Gefühle statt Informationen (Bild: Torsten Rempt / pixelio.de)
Gefühle statt Informationen (Bild: Torsten Rempt / pixelio.de)

14. Dezember 2012. Sechsundzwanzig Tote: Kinder, Lehrer und ihr Mörder. Eine Tragödie im beschaulichen Newton, unweit von Boston in Massachusetts, USA. Newton ist eine Stadt mit rund 84.000 Einwohnern. Die erste Katastrophe ereilte Newton durch das Attentat. Die zweite durch die Medien und dann auch den Rest der Welt. Denn 20 tote Kinder und ihre heldenhaft getöteten Lehrer geben mehr her als den Stoff, aus dem sachliche Nachrichten gemacht werden.

 

Trauernde Eltern und Verwandte wurden interviewt und ihre Gefühle im Bild festgehalten. Die Kameras dokumentierten die Beerdigungen der Kinder in Nahaufnahmen des in die Gesichter geschriebenen Entsetzens. Ihr Leid wurde zur weltweiten Nachricht, zur Auflage, zur Quote, zu Geld. Emotionen verkaufen. Der, der die schärfsten, schockierensten, emotionalsten Bilder in den Köpfen vervielfältigt, gewinnt. Nicht einmal bei den mit Gebühren finanzierten Medien kann man sich dem Leid von Leidtragenden entziehen. Heute ist alles eins. Die Medien reproduzieren gegenseitig ihre stark emotionalisierenden Top-News und gern auch die allgemeine Nachrichtenlage der Bild-Zeitung.

Die weihnachtliche Top-Nachricht (Bild: Heike  / pixelio.de)
Die weihnachtliche Top-Nachricht (Bild: Heike / pixelio.de)

Dann kam Gott sei Dank Weihnachten. Die Toten von Newton werden vergessen, der Ex-Bundespräsident ist es schon.“Happy birthday Jesus Christ“. Die überraschende Top-Nachricht für weltweit 2,26 Milliarden Medien konsumierende Christen: es ward ein Kindlein uns geboren! – bis zum nächsten medialen Event, der nächsten Katastrophe, Medienhatz oder einfach Silvester. Die Medienmacher werden ihr Geschäft machen und mit Donnerschlag und –zeile wieder die Emotionen befeuern. Da hilft nur eins: weggucken!


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